Die (R)evolution des Autos #2

 

Es dürfte die grösste Innovation seit der Erfindung der Motorkutsche vor 130 Jahren sein. Die Entwicklung, an deren Ende das selbständig fahrende Auto stehen wird, ist in vollem Gang. „Self Driving Cars“ sind in aller Munde, aber die wenigsten von uns können sich das Potenzial dieser Entwicklung sowie deren aktuelle Herausforderungen auch tatsächlich vorstellen.

 

Mobilitätsexperte Peter hat uns daher die wichtigsten Chancen und Fragen gegenübergestellt.

 

 

 

1’000 Möglichkeiten…

Die gesellschaftlichen Veränderungen aufgrund selbstfahrender Autos wären gewaltig. Ältere Menschen wären wieder mobil, Kinder könnten allein im Auto unterwegs sein. Menschen mit Behinderungen könnten aktiv am Verkehr teilhaben. Die Attraktivität ländlicher, weniger gut erschlossener Regionen würde steigen. Die Promillegrenze wäre kein Thema mehr. Und sogar Bello könnte ohne Frauchen zum Hundesalon fahren.

 

Autofahren wird attraktiver. Die bis anhin zweckgebundene Zeit mit den Händen am Steuer könnte anders genutzt werden. Mit dem Auto würde ein weiterer Ort geschaffen, in dem Zeitungen gelesen oder E-Mails gecheckt werden können. Oder in dem einfach nur Entspannung möglich ist. Vielleicht sitzen sich künftig die Insassen eines Autos gegenüber und haben Zeit, geschäftliche Dinge zu besprechen. Auch im Internet einkaufen während der Fahrt wird möglich sein. Anmerkung am Rande: Jede zusätzliche Minute, in der die Menschen ungestört mobil im Internet surfen, bietet gemäss McKinsey ein globales Umsatzpotenzial von fünf Milliarden Euro pro Jahr. Das Auto wächst über seine Rolle als Transportmittel hinaus und wird zum mobilen Lebensraum. Quasi Wohnzimmer auf Rädern.

 

Autofahren würde massiv sicherer. 90 Prozent der Unfälle sind auf den Faktor Mensch zurückzuführen. Sitzt das Risiko nicht mehr am Steuer, sondern schaut sich im Internet Katzenvideos an, würde es kaum mehr Unfälle geben. 1,2 Millionen Leben gehen pro Jahr weltweit im Strassenverkehr verloren. Autonomes Fahren könnte diese Zahl drastisch reduzieren.

 

Autonomes Fahren wäre entspanntes Fahren. Unnötig, aus einem selbstfahrenden Auto dem Insassen eines anderen selbstfahrenden Autos in der Hektik des Feierabendverkehrs eine Sympathiebekundung mit dem gestreckten Mittelfinger zukommen zu lassen. Es würde mehr Vernunft und Gelassenheit im Verkehr einziehen.

 

Dank eines gleichmässigeren Verkehrsflusses würde die Aufnahmefähigkeit des Strassennetzes deutlich steigen. Autonome Autos können enger aufschliessen, da ihre Reaktionszeit gleich null ist, oder sich zu einem algorithmischen Konvoi verbinden. Autos erhalten von der Ampel ein Signal, wenn diese auf Grün schaltet, und können so den Zeitpunkt des Anfahrens vorausberechnen.

 

Selbstfahrende Autos würden allein ins Parkhaus fahren. Ein Parkhaus, in welchem kein Mensch mehr vorgesehen ist. Das hiesse mehr Parkdecks, mehr Stellplätze, keine Treppenhäuser. Eigentlich bräuchte es nicht mal mehr Licht.

 

…1’000 Fragen

Bis es jedoch soweit ist, müssen nicht nur Gesetze geändert werden. Es braucht einen international koordinierten rechtlichen Paradigmenwechsel. Nach der Wiener Strassenverkehrskonvention von 1968 dürfte es Autos ohne Fahrer gar nicht geben. Im vergangenen Jahr wurde sie dahingehend geändert, dass autonome Fahrsysteme dann erlaubt sind, wenn ein Fahrer jederzeit wieder die Kontrolle übernehmen kann. Das geht den europäischen Autobauern und ihren Visionen selbstverständlich zu wenig weit. Die Amerikaner haben es hier etwas einfacher – sie sind der Wiener Strassenverkehrskonvention nie beigetreten.

 

Auch die technischen Hürden sind enorm. Während es bereits heute Systeme gibt, die autonomes Fahren auf der Autobahn ermöglichen, stellt die Komplexität des Stadtverkehrs die Sensoren eines selbstfahrenden Autos vor eine sportliche Aufgabe. Sinnvollerweise leitet das System eine Vollbremsung ein, wenn ein Kind vor das Fahrzeug läuft, nicht aber wenn eine Plastiktüte aufgewirbelt wird. Ob Regen, Schnee oder Zirkuselefant, jede Unwägbarkeit muss der Algorithmus intus haben und richtig reagieren.

 

Wird uns das automatisierte Fahren Mehrverkehr bescheren? Pendler, die sich von ihrem Auto-Auto morgens zur Arbeit und abends wieder nach Hause chauffieren lassen, könnten ihre Fahrzeuge zum kostenlosen Parken nach Hause zurück schicken. Das wären dann vier statt zwei Fahrten, eine Verdoppelung des Berufsverkehrs. Pendler könnten früher aufbrechen und unterwegs ausschlafen. Der Einzugsbereich, aus dem Menschen ins Stadtzentrum strömten, würde grösser, Verkehrsdichte und Umweltbelastung stiegen, ebenso würde die Dynamik der Zersiedlung weiter angeheizt.

 

Dann die ethischen Fragen. Wie entscheidet der Algorithmus, wenn eine Kollision unvermeidlich ist? Weicht er nach rechts auf das Trottoir aus, wo ein Kind getötet würde? Steuert der Computer nach links auf die Gegenfahrbahn, was den Tod eines Velofahrers zur Folge hätte? Ist es überhaupt zulässig, sich für den Tod eines anderen zu entscheiden? Würde jemand ein Auto kaufen, das im Ernstfall die Insassen opfert? Schwierige Fragen. Kommt hinzu: Jedes Land hat unterschiedliche Moralvorstellungen. Dies könnte dazu führen, dass autonomen Fahrzeugen ein kulturell adaptives System programmiert würde. Und wer haftet, wenn ein autonomes Fahrzeug einen Unfall verursacht: Der Halter, die Insassen, die Autobauer oder der Programmierer?

 

Was passiert mit den ganzen Daten, die während einer Fahrt gesammelt werden? Sensorik und Elektronik erzeugen enorme Mengen an sensiblen Daten. Wem gehören diese? Der Hersteller erfährt sehr viel über seine Kunden, kann quasi seinen Alltag überwachen. Das lässt sich auf vielfältige Weise vermarkten. Die Frage der Speicherung und Verwendung dieser Daten ist noch offen. Man könnte sagen, das Unfallrisiko wird weitgehend durch das Datenrisiko ausgetauscht.

 

Je vernetzter Autos sind, desto anfälliger sind sie auf Cyberattacken. Neulich gelang es chinesischen Studenten, auf das System eines Tesla zuzugreifen. Aus China und bei voller Fahrt konnten sie die Türen des Fahrzeugs, welches auf den Strassen Kaliforniens unterwegs war, entriegeln, das Schiebedach öffnen sowie die Hupe und die Lampen betätigen.

 

Ausblick

Und wann wird es soweit sein? Nimmt man den Durchschnitt aus den vorsichtigsten und den optimistischsten Schätzungen, dürften autonome Fahrzeuge im Jahr 2030 Alltag auf unseren Strassen sein. Sie werden zuerst in relativ einfachen Verkehrssituationen wie der Autobahn zur Anwendung kommen – respektive sind sie dies heute schon. Schrittweise wird das Einsatzgebiet komplexer, bis schliesslich auch der innerstädtische Verkehr vollautonom unterwegs sein wird. Voraussetzung dafür wird sein, dass die Anpassung der gesetzlichen Rahmenbedingungen mit dem technischen Fortschritt mithalten kann.

 

Und was leistet die Sharing Economy für einen Beitrag? Autonome Fahrzeuge können im Rahmen von Sharing-Konzepten im Gegensatz zu individuell besessenen selbstfahrenden Autos die Ressourceneffizienz stark erhöhen. Weniger Energieverbrauch, bessere Auslastung, weniger Zersiedlung und Flächenverbrauch wären die Folge. Insbesondere in Städten und Agglomerationen dürfte die Sharing-Economy im automobilen Übermorgen einen grossen gesamtgesellschaftlichen Nutzen bringen.

 

Verfasst von Peter | 17. Juni 2016 |  


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